Pilgeralarm

Herrlich, noch 14 Tage Zeit für Auszeit übrig, dachte ich.
Dann rief er mich, der Jakobsweg.
Letztes Jahr. Unvorbereitet, machte ich mich augenblicklich auf zum ersten Abschnitt bis Pamplona.
Geistig zumindest! Die Vorbereitungen reduzierten sich auf ein Wochenende, und nachdem ich dann wusste was ich alles noch bräuchte, waren die Geschäfte geschlossen. Also am Montag noch schnell Rucksack, Wanderstöcke und einen leichten Schlafsack kaufen, und gleich Dienstag früh ging’s. Jetzt waren ja nur noch 12 Tage übrig.
Der Weg ist das Ziel ist, heißt es. Dann ist das Ziel der Weg und somit hatte ich das 1. Etappenziel erreicht, dachte ich. Der Mensch denkt und Gott lenkt, ich dachte und Gott lachte, vermutlich.
Und manchen Zielen stehen hohe Hindernisse im Weg, wie die Pyrenäen in die ich am nächsten Morgen überqueren wollte.  Als sportlicher Sofasurfer, aktiver Kettenraucher mit strammem Waschbärbauch, stützten mich die ersten Schritte viele gut gemeinte Ratschläge. Von liebevollen Pilgerscharen aufgemuntert, mit Familienanschluß, fast wie zu Hause, und noch 11 Tage vor mir.

Dass am Ziel der Weg weg ist, ist kein Pilgermysterium. Einige wunderliche Dinge passierten, ich  verlief mich hier und verschlief mich da, vieles lief schief, und unerwartet kam ich an. Nicht bei mir, am Grab des Jakobs. 30 Tage später.
Im oder aus Prinzip hatte ich viele Pilgerlehren ignoriert, wenn ich sie denn gewusst hätte.
Nicht mal einen Reiseführer hatte ich bis Pamplona dabei. Doch wie Pilgerfreunde aus Texas anhand des Inhalts-Vergleiches feststellten, war mein dort gekaufter dafür schon vom nächsten Jahr.

So  ging auch ich diese Wege, die vor mir schon Millionen von Menschen gegangen sind, zu den gleichen Ziele und ließ mich vom Weg bewegen.

  • das schnelle Leben hinter sich lassen, sich der Langsamkeit überlassen
  • einen Weg nach innen gehen, sich selbst finden
  • nach spirituelle Ausrichtung suchen und mit kulturellen und religiösen Wurzeln in Kontakt kommen
  • Geschichte und Geschichten auf dem Weg erleben, durch die Zeit reisen
  • Gemeinschaft auf dem Weg leben, anderen Religionen und Kulturen erleben
  • die Sinne gegenüber der Natur schärfen, körperlichen Grenzen erfahren – und überschreiten

So kann ein Pilgerweg auch zu einer Metapher der eigenen Lebensreise werden:
Mit vielen Zwischenzielen, verwurzelt in der Geschichte, unter Strapazen seinen individuellen, oft chaotischen Weg machend und vor allem sich auf Begegnung einlassen.

Vieles davon können wir in unseren Alltag integrieren, die Schönheit des Einfachen entdecken, unseren Lebensweg mit mehr Tiefe und Leichtigkeit zugleich beschreiten.

Basiswissen für fortgeschrittene Pilger

Achtung! Warnung vor Gurtabschneidern, achtet auf Eure Bauchtaschen.

Wilde Hunde? Habe ich keine gesehen … doch keiner warnte uns vor den hungrigen Katzen. Oder gar vor blutrünstigen Bestien, die sogar gegen Chemie immun waren,
da mußte jeder wieder selber Achtsamkeit praktizieren.

Mietpilger,
es gibt sie tatsächlich wieder. Nein – das ist kein Scherz!
Es gibt sie wirklich die Mietpilger( nein nicht die Mitpilger!).
Für manche unfassbar, für andere Ungläubige schwer vorstellbar,
ein Reinfall für Leichtgläubige?
Für’s Gepäcktragen gibt es ja schon den Camino-Transport-Dienst,
und für müde Füße Taxis, Busse und Bahnen …
vielleicht auch bald einen Service für sich Selbst und seine Gedanken ertragen.
Ob Hypnose da möglicherweise einen begehbaren Ausweg bieten könnte.
Im Mittelalter hat der Glaube daran, manchem Todkranken vermutlich
das Leben tatsächlich gerettet.

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